Arbeitsproben

Kultur ist Zeitverschwendung. – Na und?


Der Konflikt zwischen der »Kultur des Neuen« und der »Unterhaltungskultur« ist stets hochexplosiv; er ist der Kampf der Kultur mit sich selbst. Umberto Eco

Was kann und soll Kultur? Welchen Beitrag zu Fortschritt und Wohlstand leistet sie? Solcherlei Fragen sehen sich jene permanent ausgesetzt, die der Kultur das Wort reden. Und sie haben so ihre Schwierigkeiten, den Mehrwert von Theater, den Nutzen von Arthouse und den Gewinn von Videoinstallationen aufzuzählen. Denn augenscheinlich ist Kultur unnütz, eine reine Zeitverschwendung. Vielleicht muss sie es ja sein?

Bereits bei der Frage, was Kultur eigentlich ist, scheiden sich die Geister. Man kann sich schon in Verwunderung darüber üben, was alles unter dem Kultur-Titel firmiert. Gern erscheint der Begriff als Anhängsel und Füllwort. Man redet von Kulturgütern und Unternehmenskultur, Cafékultur und Kulturbeuteln; von Kulturbetrieb und -industrie ganz zu schweigen. Kultur scheint sich an jeder Ecke und auf allen Kanälen Bahn zu brechen. Ist nicht gerade die Konsumgesellschaft von Kultur getragen, hat diese selbst die alltäglichen Verrichtungen durchdrungen? Gibt es überhaupt noch einen Bereich, der sich mit »Unkultur« benennen lässt? Wenn jedoch alles Kultur ist, warum sich um diese sorgen oder sie infrage stellen? Zielt dann nicht die Frage nach dem Zweck von Kultur ins Leere?

Die vorrangig aus ökonomischer Perspektive formulierte Kultur-Kritik meint gerade nicht die leicht konsumierbaren Kulturgüter. Nicht die Produktionsstätten und Aufführungsorte von Bestsellern und Blockbustern stehen unter Rechtfertigungszwang. Von diesem sind vielmehr die kulturellen Nischen- und Randexistenzen betroffen: Also zum Beispiel die Orte sperriger Literatur, unzugänglicher Filme, enigmatischer Theaterinszenierungen oder abstrakter Kunst. Sie werden landläufig in Zweifel gezogen, sind aber gerade als wichtiger Kulturaspekt zu verteidigen. Es gilt hier nicht, sich einen Kulturkampf um einen reinen Begriff auszufechten. Die puristische Bestimmung, die Kultur nur als elitäres Gedankenspiel auffasst, taugt ohnehin wenig. Natürlich gibt es auch Populär- wie Massenkultur und auch genügend Beispiele für miese »Hochkultur« und gute Unterhaltung. Und zwischen Kultur und Kulisse beziehungsweise Kitsch ist weder leicht, noch einheitlich zu unterschieden. Kulturelle Formen sind nicht in bestimmten Medien zu Hause und anderen komplett fremd; Kultur lebt häufig vom Grenzgang. Aber man muss nicht erst Arte schauen um einzusehen, dass der Kulturbegriff sehr wohl mehr umfasst als die Aufführung von Bachfesten in zoologischen Gärten oder Kabarettprogramme mit Silbermannorgel. Nichts gegen Entertainment: Event oder Ereignis haben ihre Berechtigung. Aber es darf auch mal ein bisschen mehr sein als Kommerz, Konsum und Konfektionsware. Kultur ist nicht mit unbeschränkten Ladenöffnungszeiten zu verwechseln. Natürlich findet kulturelles Leben in der Freizeit statt, ist mitunter Zerstreuung und Vergnügen, erzeugt und befriedigt Bedürfnisse. Dabei ist ihre Aufgabe aber nicht die Ablenkung von Arbeitsalltag oder sozialer Misslage, ist sie kein Sicherungsmedium von Produktions- und Arbeitskraft. Kultur steht nicht im Dienste der Kompensation und Regeneration der ArbeitnehmerInnen, wie es von kulturpolitischer Seite häufig formuliert wird. Nicht quantifizierbar, lässt sich Kultur weder am Bruttosozialprodukt messen, noch nach Soll und Haben kalkulieren. Kultur ist auch kein Wirtschaftsfaktor, selbst wenn sie zu solcher Funktion bisweilen herangezogen wird. Ökonomische Aspekte spielen sicherlich immer eine gewisse Rolle, aber deshalb darf der wirtschaftliche Blick weder die alleinige, noch die dominante Perspektive auf Kultur sein. Die Frage nach Nutzen und geldwertem Vorteil von Kultur nicht nur schief gestellt, sondern auch anmaßend. Die Kategorie der Nützlichkeit unterliegt der ökonomischen Brille, hat aber im Bereich des Kulturellen gar keinen Platz. Man befragt die Betriebswirtschaft schließlich auch nicht nach Schönheit oder Erhabenem.

Vielleicht lässt sich Kultur am besten im althergebrachten Sinne verstehen, nämlich als Geistes- und Gemütspflege. Bewusst vage gefasst, findet so allerlei Platz unter diesem Dach, ohne alles als kulturelle Form ansehen zu müssen. Kulturelle Betätigung gestaltet sich demnach als geistiges Wachhalten, als Eröffnung gedanklicher Spielräume und von Möglichkeiten der Kritik und des Hinterfragens. So gesehen ist Kultur kein einigendes Band, sondern eine Vielfalt von Gestalten und auch von Differenzen. Aus diesem Grund ist es unsinnig, kulturelle Formen gegeneinander auszuspielen, und etwa in der Unterscheidung zwischen high culture und low culture Sonette gegen Comic Strips oder Arien gegen Punk-Rock antreten zu lassen. In der Frage nach der Kultur sind weder elitäres Pathos und intellektuelles Standesdünkel, noch naive Gleichmacherei eines »das verstehen wenigstens alle« angebracht. Natürlich gibt es viele Formen von Kultur, die je nach BetrachterInnenauge primitiv oder abgehoben sind, oberflächlich oder subversiv-gefährlich. Genau hierin steckt schließlich das Potenzial von Kultur. Die Kämpfe zwischen den verschiedenen Kulturformen und -niveaus sind deshalb nicht beizulegen, sie gehören zu unserer Kultur und solch ein Widerstreit letztlich ist auch eine kulturelle Form. In der Auseinandersetzung von Avantgarde und Massengeschmack zeigt sich Kultur selbst auch als Kultur-Kritik.

Eine solche entzündet sich völlig zu Recht am Leuchtturmprinzip derzeitiger Kulturpolitik, die einige wenige Institutionen ausgiebig finanziert und alle anderen mehr als stiefmütterlich behandelt. Dem liegt natürlich die politische Hoffnung zugrunde, dass Kultur nur ihrem Manipulationsbereich obliegt. Kultur wird hier als strategisches Instrument verstanden, um einen Standort zu sichern, Menschen zu beruhigen oder im gemeinschaftlichen Wir-Gefühl das Individuum aufzuheben und zu betäuben. Deshalb bereiten Massen- und Eventkultur, obwohl sicherlich nette Zeitvertreibe, auch einiges Unbehagen.

Dabei betrifft Kultur in ihrer Wirkung den einzelnen Menschen. Sie bildet, indem sie es ermöglicht, sich zu und der Welt und sich selbst ins Verhältnis zu setzen. Sie spricht die Unterschiede an, hilft diese zu erkennen und auch zu verfeinern, mit ihnen zu leben und auch Konflikte zu ertragen. Sie betrifft auch das Denken der anderen respektive das andere Denken. Gerade weil die Gesellschaft von sich ergänzenden und widersprechenden Differenzen besteht durchzogen ist, zielt auch die unsägliche Debatte um eine deutsche Leitkultur ins Leere. Solchen Indoktrinationsversuchen steht Kultur nicht nur fremd, sondern feindselig gegenüber. Eine Kulturform für alle zu entwerfen bedeutet nichts anderes, als ein Korsett oder eine Zwangsjacke zu schneidern. Die Formen benötigen auch keine Mehrheit, aber eine Mehrheit braucht es für die Vielfalt der kulturellen Lebensformen; für amateurhafte und professionelle Kultur, die besinnliche, entsinnlichende und schöngeistige, schmutzige, tiefe und flache, die zarte und die derbe.

Die Betrachtung der Wirklichkeit durch das Spiel kultureller Formen bedeutet immer auch eine Infragestellung des Gegebenen. Kultur hält den Spiegel vor, ist eine Art Barometer mit Möglichkeitssinn und spielt auch gegen das Vergessen. Das Kulturelle ist der Ort der Verhandlung von sinnstiftenden, das Leben betreffenden Fragen. Das heißt natürlich nicht, dass ein Musikstück die Welt erklärt oder ein Theaterbesuch Nazis den Boden abgräbt. Kulturelle Institutionen sind weder pädagogische, noch moralische Anstalten und Kultur ist keine Sozialarbeit. Hier können aber Fragen aufgeworfen und eventuell Antwortvorschläge unterbreitet werden. Das Bewegen in kulturellen Bereichen weitet das Gesichtsfeld. Kultur setzt Akzente, gibt Impulse. Sie kann in einem Sinne die Wirklichkeit sprengen, indem sie Möglichkeiten zeigt und ausprobiert, Neuem Ausdruck verschafft. Sie bietet einen alternativen Blick, besser: alternative Blicke, auf unsere Lebenszusammenhänge, entdeckt ungekannte Horizonte. Und als suchendes Denken schärft Kultur mitunter die Urteilskraft. Aufgrund des Eigensinns der Perspektive muss kulturelle Arbeit den Mächtigen zuweilen verdächtig scheinen. Ihre Widerborstigkeit und der Entwurf von Gegenwelten macht sie auch lästig, zum Ärgernis. Hierin gründet das Paradoxon der Kultur: Sie stellt Autoritäten und Institutionen infrage, von denen sie zum Teil finanziell abhängt. Aber dieses muss erlaubt sein, liegt hierin doch ein wichtiges, demokratisches Element von Kultur, das zu verteidigen ist; muss Kultur eine ernstzunehmende Narrenfreiheit gewährt werden.

Ja, Kultur ist Zeitverschwendung, unnütz und nicht verwertbar. Na und? Sie hält die Balance zum haushaltenden Weltbild der Effizienz, in welchem Zeit sprichwörtlich Geld ist. Sie verweigert sich der Phantasielosigkeit von Abakus und Rechenschieber, ist sogar kontra-produktiv. Im Übrigen übersieht die Frage nach dem Wozu der Kultur ihre eigene Naivität, nimmt sie doch an, Kultur sei mir nichts dir nichts abzuschaffen. Viel spannender ist doch zu fragen: »Was ohne Kultur?« Was ohne Tagträumereien und verschwenderisches Schwelgen? Was soll das für ein Mensch sein, der sich nicht auf die Welt einlassen kann, sich keine Zeit nimmt für das Spielerische, allem nur einseitig begegnet, keine Fragen stellt? Ganz selbstbewusst also sollte sich Kultur verstehen lassen als »souveräne Zeitverschwendung«, so wie es Wilhelm Genazino in Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman beschreibt:

Ich durfte mich zu meinem Leben als ein Lauschender verhalten. Ich durfte so lange in die Wirklichkeit hineinhören und hineinsehen, wie ich nur wollte.

Tobias Prüwer

»Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.« Ludwig Wittgenstein